Zero-Waste. Zero Durchblick.

Nach meiner gestrigen Ankündigung, mit Zero-Waste experimentieren zu wollen, habe ich reflexartig erstmal bei Wikipedia vorbeigeschaut. Schnell stieß ich auf die „Waste Hierarchy“ (Abfall- / Verschwendungshierarchie). Im Grunde besagt die Zero-Waste Philosophie: Versuche, so weit nach oben in der Pyramide zu klettern wie möglich.

Quelle: Wikimedia Commons (User: Drstuey)

Quelle: Wikimedia Commons (User: Drstuey)

Darauf habe ich mich erstmal gefreut, da meine Variante des grünen Minimalismus auf Verzicht und Qualität setzt. Gedanklich halte ich mich also schon in den oberen Pyramidenetagen auf: „Brauche ich Teil XY überhaupt?“ Und wenn ja: „Wo bekomme ich Qualitätsware, die nicht kaputt geht, bzw. bei der es sich lohnt, sie zu reparieren?“ Ganz im Sinne des Zero Waste!

Als nächsten Schritt hatte ich mir überlegt, aus den untersten zwei Stufen gänzlich auszusteigen. Nur noch Altpapier, Biomüll, Grünen Punkt, Altglas verursachen. Auf meinem Einkaufszettel standen für gestern auch nur ein paar Alnatura-Einkäufe (Fünf-Korn Mischung, ungesüßte Cornflakes und Reiswaffeln, um genau zu sein). „Für Tag 1 erstmal ein unproblematischer Einkauf!“ Wie naiv man doch sein kann…

Ich stehe im DM und muss feststellen, dass kaum ein Alnatura-Produkt in Plastikverpackung einen Grünen Punkt aufweist. „Wie kann das denn sein, bei deren Nachhaltigkeitsprinzip?“ Also rüber in den Edeka. Da bin ich fündig geworden, aber auch dieser Laden lässt mich verstört zurück, da nur wenige Bio-Produkte mit dem Punkt versehen sind.

Langer Rede, kurzer Sinn: Zuhause nach Kurz-Recherche und Mail an Alnatura (mit prompter Antwort, Dank!) stelle ich fest, dass der Grüne Punkt nicht mehr verpflichtend ist und die DSD1 „jetzt mit seinen Sammelgefäßen auch Verpackungen anderer dualer Systeme sammeln“ [Wikipedia] muss. So landen auch Verpackungen von Trittbrettfahrern, die keine Lizenzgebühren zahlen, und „intelligente Fehlwürfe“ von Bürgern in der gelben Tonne. Letztere beziehen sich auf Nichtverpackungen, die es sich, was die Wertstoffe betrifft, aber genauso lohnt zu recyclen. Das System ist so unübersichtlich geworden, dass mittlerweile die Einführung von einheitlichen Wertstofftonnen (für trockene Stoffe) gefordert wird. Umgesetzt wird das Konzept bereits in Berlin, wo alle Kunststoffe, Metalle und Verbundstoffe in einer Tonne landen.2 Dank moderner Technik ist die anschließende maschinelle Mülltrennung offenbar weit zuverlässiger als der Mensch [Die Zeit, Greenpeace].

Davon abgesehen, dass wir offenbar Müll Wertstoffe nach unsinnigen Kriterien trennen, hat man, selbst wenn man nur dem Grünen Punkt o.ä. folgen würde, keine Kontrolle darüber, dass wirklich 100% seines Materials recyclet wird. Schließlich sind auch Duale Systeme gesetzlich nur dazu verpflichtet, einen gewissen Prozentsatz ihrer Verpackungen zu verwerten. „Nach der letzten Novelle vom Dezember 2005 müssen seit 2009 von allen Verpackungsabfällen mindestens 65 % verwertet und mindestens 55 % stofflich verwertet werden.“ [Wikipedia]

Meine geplante Umstellung auf „wenn Plastik, dann nur Grüner Punkt“ erkläre ich hiermit für schwachsinnig.

Was nun?

Statt „Zero Waste“ versuche ich den Umstieg in Richtung „Zero Plastic“.

Papier und Glas haben mit über 80% weit bessere Recyclingquoten als Plastik, und lassen sich besser wiederverwerten: „Altpapier lässt sich bis zu fünf Mal wiederverwerten. (…) Glas lässt sich ohne Qualitätsverlust beliebig oft einschmelzen.“ [Greenpeace] Außerdem verstopfen sie meines Wissens unsere Meere nicht, und sind weniger giftig. Auch beim Wettkampf Konserve VS Plastik verliert der Kunststoff: „Das Recycling der Dosen ist unproblematisch, weil sich Weißblech mit Magneten sowie Aluminium in einem Wirbelstromscheider leicht abtrennen lassen. Das Sortieren und Aufbereiten der Kunststoffe ist dagegen aufwendig und teuer.“ [Greenpeace]

Also kein Plastik mehr. Bei meinem Frühstück fängt das Problem schon an: Obst ohne Plastik ist da noch das Einfachste. Kaufe ich meine Äpfel vom Bauer Greif halt nicht mehr im Plastiksack bei Edeka sondern auf dem Wochenmarkt.3 Und was mit meiner Milch? Wo man sich Kuhmilch vielleicht tatsächlich noch im Hofladen abfüllen lassen kann, geht das mit Pflanzenmilch weniger. Aber nicht verzagen: selber wagen! Meinen Fair-Trade-Reis kaufe ich sogar schon in Papierpackung. Bin mal gespannt, wie’s schmeckt. Und zu guter letzt: die Flockenmischung, der Leinsamen, die Sonnenblumenkerne, etc. Ich werde mal nach Kartonverpackungen fahnden, habe aber keine große Hoffnung. Ich wünsche mir grad echt so einen Bulk-Shopping-Supermarkt…

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich es jemals bis zum „Zero Plastic“ schaffe. Aber weniger ist ja schonmal mehr. Den Versuch starte ich also trotzdem!

Wie sieht das bei euch aus? Geht ihr den Weg Richtung Zero Waste? Wie vermeidet ihr Müll? Wie haltet ihr es mit der Recycling-Problematik?

Für Hilfe, Tipps & Tricks wäre ich echt dankbar!

_______
1. Duales System Deutschland GmbH, die Gesellschaft hinter dem Grünen Punkt.
2. Ausgenommen sind lediglich Elektrogeräte, Energiesparlampen, Batterien, Textilien, Datenträger und Holz. Da weiß man ja aber auch, wie und wo man die los wird.
3. Bio-Gemüse beim Edeka fällt generell flach (immer diese unnötige Verpackung!), stattdessen geht’s zum Biomarkt bzw. auf den Wochenmarkt.

Advertisements

9 Gedanken zu „Zero-Waste. Zero Durchblick.

  1. Vielen Dank, liebe Kim, für diesen interessanten Artikel und Dein Engagement.

    Ein wichtiges Thema. Müll- und gerade Plastikvermeidung ist mühsam, aber jeder kann seinen Teil dazu beitragen. Am besten klein starten. Babyschritte anstelle Kängurusprünge. Einfach mal anstelle Milch (für Veganer: Sojamilch) im Tetrapack eine in der Glasflasche kaufen.

    Dass Du gerade jetzt mit dem Thema kommst, ist ein schöner Zufall. Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema Müllreduzierung und heute morgen bin ich zum ersten Mal mit der Intention in den Supermarkt gelaufen, keine Produkte mit Plastik zu kaufen. Obwohl ich nicht mal ein Dutzend Artikel brauchte, bin ich gescheitert. Es gab nämlich kein Toilettenpapier, das nicht mit Plastik verpackt war.

    Die Veranschaulichung mit der Pyramide oben kannte ich noch nicht und hat mich spontan an die Integrale Theorie von Ken Wilber & Co. erinnert. Muss mir diese „Waste Hierarchy“ mal genauer anschauen!

    Viele Grüße aus der Fränkischen,

    Christof

  2. cool, ich wusste gar nicht, dass es so eine offizielle Waste-Hierarchy gibt…

    Ja, müllfrei bzw. plastikfrei einkaufen ist echt nicht einfach. Vielleicht hilft dir erstmal das: http://www.plastikfrei.at/ Da kann man bestimmt viel auch auf Deutschland übertragen.
    Es gibt eine Pflanzenmilch im Glas. http://www.plastikfrei.at/index.php?do=singleProduct&id=129 Auf der Herstellerseite kann man auch nach Händlern suchen, vielleicht ist da was in deiner Nähe.
    Und natürlich kann auf Wochenmärkte oder via Biokisten-Lieferdienst ausweichen. Problem ist da aber bei mir eher der zeitliche Faktor. Ich als Arbeitnehmer hab da echt Probleme.

    Was mich aber hauptsächlich nervt ist die Tatsache, dass es in einer Großstadt kaum Stellen gibt, wo ich meinen Müll ordentlich recyclen kann! (Denn das wird gemeinhin als “zero waste” definiert, also Null Restmüll) Der Hauseigentümer stellt nur eine Restmülltonne und in der nächsten Straße gibt es “nur” Container für Glas und Papier. Für alles andere müsste ich meinen Müll quer durch die Stadt fahren und das sehe ich nicht ein :(

    Ansonsten bleibt mir bisher meistens nur die Wahl zwischen “Selber machen” und “Plastikarm” kaufen und natürlich Hersteller anschreiben!

  3. @ Christof: Stimme dir zu – mit Babyschritten anfangen ist für die meisten Menschen einfacher. Letztendlich tragen einen auch Babyschritte weit. Hauptsache losgehen. (Was dem Plan von Babautas „Habit Investments“ entspricht.)
    Ich bin positiv überrascht, dass du nur am Toilettenpapier gescheitert bist! Das ist für ein Dutzend Artikel doch schon gut! Ich hatte bei nur 3 Sachen ja eine Durchfallquote von 100%… (wobei ich für eins mittlerweile eine Alternative gefunden habe).
    Die Integrale Theorie musste ich erstmal googlen. Welcher Aspekt bringt für dich die Konzepte zusammen?

    @Frau DingDong: allerallerbesten Dank für den Link! Das Produkt-Archiv ist zwar noch klein, aber hat mir schon ein paar Inspirationen gegeben. Und ich hab sogar Händler in der Nähe, die bei dem Pflanzenmilch-im-Glas Hersteller beziehen. Vielleicht kann man die überreden, die mit ins Sortiment zu nehmen :)
    Glaub dir sofort, dass 9-5 und Wochenmarkt nicht gut zusammen gehen. Da hab ich’s einfacher. Manchmal ist der fast komplett frei einteilbare Arbeitstag zwar auch ein Fluch, aber in diesen Momenten ein Segen.
    Gibt’s bei euch keine gelben Säcke? Müllsammlung in Deutschland ist echt kurios. In meiner Heimat in NRW werden Restmüll, Gelbe Tonne, Blaue Tonne (Papier), und Braune Tonne (Biomüll) abgeholt. Ich bin immernoch irritiert, dass in Trier kein Biomüll getrennt wird. Hast du mal geguckt, ob du vielleicht in einem Versuchsgebiet lebst, wo alles zusammen geschmissen wird um die maschinelle Trennung zu testen?

  4. wir (mein Freund und ich) haben auch nachdem wir den Film Plasticplanet gesehen haben beschlossen auf Plastikvermeidung zu achten. Neben Müllvermeidung ist der Übergang von Giftstoffen aus der Verpackung in die Lebensmittel für uns ein wichtiger Aspekt. Wir haben probiert trockene Lebensmittel wie Nudeln, Gries usw. möglichst im Karton zu kaufen. bis wir erfahren haben das der verwendete Recyclingkarton mit Mineralöl aus den Druckfarben belastet ist, und auch in den Lebensmitteln nicht unerhebliche Rückstände gemessen wurden (siehe z.B. http://www.vzhh.de/ernaehrung/95156/mineraloel-recyclingkarton.aspx). Ich finde es extrem schwierig (und zeitaufwändig) innerhalb des Systems gegen den Strom zu schwimmen. Wahrscheinlich wäre es sinnvoller zu versuchen das System zu verändern. Die sogenannte „Macht des Verbrauchers“ halte ich dafür nicht ausreichend. Was mein Beitrag zur „Systemveränderung“ sein könnte, weiß ich noch nicht. In der Zwischenzeit wird so gut wie möglich gegen den Strom geschwommen, auch wenn es unbefriedigend ist.

  5. Pingback: Woche 2 – Unsere Netzhighlights | Apfelmädchen & sadfsh

  6. Pingback: Wochenrückblick | minimalismus und mehr

  7. An die Integrale Theorie musste ich denken, weil es da auch eine Art Pyramide gibt, mit verschiedenen Stufen von beige ( = archaisch, instinktiv, überlebensbestimmt, Baby oder Steinzeit) bis türkis (holistisch, opferbereites eigennütziges System), die unsere komplexe Welt erklären versucht. „Gott 9.0“ von Tiki Küstenmacher (der von „Simplify your life“) beschäftigt sich mehr oder weniger mit dieser Theorie (bringt aber noch Gott und Jesus mit ins Spiel). So, das war nun bisschen Off-Topic.

    Viele Grüße,

    Christof

    PS: „Durchfallquote“ in einem Satz mit „Toilettenpapier“ – der war gut, Kim ;)

  8. @ajal: meeeeh. Wie man’s macht, man macht es falsch. Wobei ich sagen muss, dass ich bei der Wahl „potentiell krebserregender gut recyclebarer Karton“ und „potentiell krebserregendes meereverstopfendes Plastik“ immernoch bei ersterem bleibe. Zumal laut deinem Link die Gefahr ja schon sinkt, wenn man die Sachen nach Kauf wieder in Glasbehälter o.ä. umpackt. Wo ich mich im übrigen gefreut hatte, dass ich das bei Kartonware nicht mehr müsste. Also besten Dank für deinen Hinweis! Bin mal gespannt, ob sie bis 2015 da was gesetzlich ändern…

    @Christof: Und ich dachte, wenn kein „no pun intended“ dahinter steht, fällt’s nicht auf ;-)
    Jetzt versteh ich deine Verbindung. Die Pyramide war nicht bei Wikipedia, und weiter hab ich nicht geguckt. Im übrigen, was ich mir letztes Mal verkniffen hab, was das Klopapier angeht: Kommentar meines neuen Vorbilds (Scrollen bis zum mittigen „Wiping“). Werde ich selbst vorerst nicht ausprobieren ^^

  9. Hey alle!
    Schön dass ihr euch mit dem Thema beschäftigt… Zur Müllvermeidung : Versucht größere Packungen zu kaufen! Also z.B ein 10Kg Sack Reis statt 20 in Plastik verpackte 500g Packungen.. Und dass gibts es auch bei Nudeln, Mehl, Müsli usw… Gegessen wird es eh, nur ein bisschen mehr Lagerraum braucht ihr dafür..
    Wo bekommt man es her? Leider meist nur beim Großhändler..
    Wie kommt ihr an ihn ran? Bei einigen kann man als Einzelperson bestellen, allerdings mit verschiedenen Mindestbestellwerten.. Solltet ihr diese nicht erreichen, schließt euch zusammen mit anderen Leuten.. Vielleicht gründet ihr sogar eine Foodcorp?
    Oder ihr kennt vielleicht jemanden der im Einzelhandel, im Hotel oder wie auch immer arbeitet und euch mal was mit bestellen kann.. Oder vielleicht hat jemand eine Karte für Metro oder ähnliches..
    Welche Großhändler? Es gibt viele.. Zum Beispiel :
    http://www.bio-antakya.de/
    http://www.midgard-naturkost.de/aktuelles/
    http://www.bodenaturkost.de/

    Vielleicht ist dies ja für den einen oder anderen eine Anregung..
    Schönen Frühling euch!
    Mila

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s