Vegan durch Großbritannien

Kann man vegan in Großbritannien überleben, auch abseits der Großstädte? Man kann! Auch dann, wenn man mit zwei – äußerst toleranten – Omnivoren wandert. Und das gar nicht schlecht: die Gerichte reichten beim Testlauf in Schottland von Ofenkartoffeln mit Baked Beans über hausgemachte Tomate-Basilikum-Suppe bis zu veganem Chili. Hier ein paar Tipps in Sachen Wanderveganismus, von klein nach groß.

Der gemeine Wanderer schätzt seine Energiesnacks in Form von Müsliriegeln. Diese sind leider im Gegensatz zu Deutschland selten vegan. Ähnlich wie bei deutschem Bio-Süßkram findet sich in den Riegeln, die weder Joghurt noch Schokolade an sich haben, dummerweise immer Honig. Aber keine Angst, es gibt eine Ausweichmöglichkeit: Flapjacks. Diese Mischung aus Müsliriegel und Kuchen liefert unendlich Energie und ist, wenn es sich nicht gerade um Schoko- oder Butterflapjacks handelt, sehr oft vegan. Besonders angetan haben es mir die Blackfriars Flapjacks. Die Firma bietet Geschmacksrichtungen vom einfachen Grundrezept über Apfel/Rosinen bis Dattel/Walnuss. Die Riegel sind nicht nur extrem lecker – sondern auch noch unverkennbar gekennzeichnet: groß vorne drauf klebt ein grüner Punkt mit „Suitable for Vegetarians“ oder eben „Suitable for Vegans“. Kein Nachlesen der Inhaltsliste nötig!

Flapjacks findet man nicht unbedingt in den großen Supermärkten à la Tesco’s, dafür in vielen der kleinen Dorfläden. Und sollte es auch dort mal nicht klappen, gibt es garantiert andere vegane Energielieferanten wie z.B. geröstete Erdnüsse.

Vegane Müslikuchen der Blackfriars Company

Bei Sandwiches wird es dann geringfügig schwieriger. Erdnussbutter geht natürlich immer und findet sich überall. Marmelade passt auch. In größeren Supermärkten findet man auch kleine Humus-Pöttchen, gerne im Dreierpack mit verschiedenen Sorten. Aufpeppen lassen sich die Sandwiches natürlich mit Obst und Gemüse. So wird aus dem einfachen Erdnussbutterbrot ein Peanut&Banana-Sandwich und der Humusaufstrich wird belegt mit einer frischen Gurke. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich Erdnussbutter nach den zwei Wochen West Highland Way erstmal nicht mehr sehen konnte.

Der Überdruß mag daran gelegen haben, dass wir oft Sandwiches sowohl zum Frühstück als auch zu Mittag gegessen haben. Er hätte sich vermutlich vermeiden lassen, hätten wir beim Frühstück öfter auf Alternativen zurückgegriffen. Hier bieten sich vor allem zwei Sachen an: Müsli & Haferbrei. Müsli kann man von Zuhause in der gewünschten Menge importieren. Manchmal lässt es sich auch in kleinen „Probepackungen“ erstehen. So kann man für ein Frühstück einkaufen und muss danach keine große Restepackung mitschleppen. Oatmeal ist im Vergleich zu Müsli geschmacksärmer und muss gekocht werden. Dafür ist es handlicher. Und der Geschmacksneutralität (vor allem wenn man es in Wasser kocht) kann man einfach Abhilfe schaffen, indem man Obst reinschnippelt und/oder Marmelade zugibt.

„Ja, aber was ist denn mit der Milch?“ Pflanzenmilch wird man in den allerseltensten Fällen in einem Tante Emma Laden finden. Die Lösung lautet Pulverform! In Amerika wird z.B. der Nestlé Kaffeeweißer als „vegan“ gehandelt, was offenbar daran liegt, dass bestimmte Bestandteile wie Kasein dort nicht deklariert werden müssen. Das einzige 100% vegane Pulver, was ich bisher gefunden habe, wird von Ecomil hergestellt. Die verschiedenen Sorten sind nicht billig, aber mit der richtigen Sichtweise bezahlbar. Ich habe das Mandelmilchpulver ausprobiert und kann diversen Reviewern zustimmen: ja, das Pulver löst sich manchmal etwas widerwillig, aber dann rührt man halt ein bisschen. Es schmeckt weniger nach Milch als nach Marzipan. Das haben Mandeln so an sich. Ich finde das nicht weiter schlimm, hauptsache der Kaffee ist nicht schwarz. Und den Geschmack des Haferbreis kann man durch Zugabe von Mandelmilchpulver auch potenzieren!

Der schwierigste und doch überraschend einfachste Teil ist das Abendessen. Das läuft recht problemlos, solange man selber kocht. Der Urlaubs-Klassiker, dessen Zutaten auch der Dorfladen bietet, ist natürlich Pasta mit Tomatensoße. Wo wir auf dem Coast to Coast Walk noch ständig darauf zurückgegriffen haben, sind wir den kompletten WHW ohne Nudeln gelaufen! Das lag u.a. daran, dass wir in Schottland auf offiziellen Campingplätzen untergekommen sind, die ein auf Camper abgestimmtes Sortiment im zugehörigen Laden besitzen. So war es ein einfaches, uns abends mit Konserven einzudecken und daraus z.B. dank der mitgebrachten Gemüsebrühe eine Gemüsesuppe mit Erbsen&Möhrchen (&Mücken…) zu zaubern. Oder den ebenfalls eingepackten Reis mit den importierten Tomatensuppentütchen zu kombinieren und diese Kreation durch Pilze aus der Dose zu ergänzen. Mit ein bisschen Glück findet man auch vegane Instant-Reis Gerichte, wie die „Mexican“ Variante von Uncle Bens. Ausschau halten kann man ebenfalls nach fertigem Bulgur- bzw. Couscous-Salat. Den gibt es meistens aber auch nur in der Kühltheke von etwas größeren Supermärkten.

Der vegane Härtetest heißt klar: auswärts Essen. Aber keine Bange, irgendwas geht immer. Und damit meine ich nicht nur Chips (aka Fritten) mit Ketchup. Was auch oft auf der Karte steht oder auf Nachfrage zu haben ist, ist eine Ofenkartoffel mit Baked Beans (&Salat). Ein kleiner Trick, der ebenfalls gut funktioniert, besteht in der Kombination verschiedener Beilagen, z.B. Kartoffelpüree mit gekochtem Gemüse. Da hätten wir dann schonmal drei+ Gerichte, von denen mindestens eins in wirklich jedem Pub zu haben ist.

Inversnaid Bunkhouse

Inversnaid Bunkhouse

Manchmal hat man auch Glück, und etwas ausgefallenere vegane Gerichte im Menü. Zweimal kam ich so in den Genuss von Bohnenchili. West Highland Way Wanderern sei das Inversnaid Bunkhouse ans Herz gelegt, bei dem sich auf Nachfrage sämtliche vegetarischen Optionen als vegan herausstellten! Lecker!

Vegansein & Wandern lassen sich auch in abgelegenen Gegenden Großbritanniens wunderbar vereinen – wenn man die Angst vor’m Nachfragen nicht hat oder verliert. Mir persönlich ist das häufige Nachhaken äußerst peinlich. Aber in den ganzen zwei Wochen gab es keine einzige negative Rückmeldung. Es hilft, dem Koch einfache Vorschläge zu machen, da ihnen bei „ohne Milch, Butter, Eier, etc.“ oft erstmal gar nichts einfällt. Die Frage nach veganem Essen also am besten durch einen Vorschlag „wie z.B. Ofenkartoffel mit Baked Beans“ ergänzen, damit der Koch einen Anhaltspunkt bekommt. Das klappt wunderbar!

Kurzum: auch auf Wandertouren abseits der Großstädte lässt es sich in Großbritannien gut vegan leben. Hundertprozentig voraussehen, was Dorfladen&Pub bieten werden, kann man nicht, aber es gibt einige Anhaltspunkte, die meistens funktionieren: Flapjacks, Pasta, Ofenkartoffel, etc. Damit das Essen nicht zu eintönig wird, muss man beim Kochen ein bisschen kreativ werden – aber das gilt für Campingkochen ja immer!

 
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