WHW: Mückenkunde

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, die West Highland Way (WHW) Reihe mit Basisinfos zum Wanderweg zu starten. Stattdessen steige ich sofort mit dem wichtigsten aller Hinweise ein. Vielleicht bin ich auch einfach noch traumatisiert und muss über die Geschehnisse in Schottland reden, bevor ich sie verarbeiten kann. Nach meiner Blutspendetour in Schottland wurde ich zurück Zuhause begrüßt mit: „Hast du dir Pocken / Masern / die Pest eingefangen?!“ Aber beginnen wir doch am Anfang.

[Kim, halt die Klappe, ich bin nur hier für den Mückenkundekurs!]

 
In Schottland gibt es fiese kleine Flieger. Die sogenannten midges haben Ähnlichkeit mit unseren Fruchtfliegen – abgesehen davon, dass sie neben „Winzling“ auch „Blutsauger“ auf ihrem Ausweis stehen haben.

Die schlimmsten Mückenmonate sind Juli & August. Wir schätzten unsere Reisezeit als glücklichen Kompromiss ein: Mai & Juni zählen zu den trockensten Monaten in Schottland und die midges schlüpfen gerade erst.

Die Mückenplage stellte ich mir also nicht schlimm vor: wir vermieden ja die Hochzeit1. Außerdem wird den Mücken eine gewisse Etepeteterigkeit nachgesagt: sie mögen es nicht zu kalt, nicht zu windig, nicht regnerisch und pralle Sonne geht auch nicht. Da bleibt an Mückenwetter ja nichtmehr viel übrig!

Eines Besseren belehrt

Bei Hartmut Engel hatte ich außerdem gelesen: „Wer nicht wirklich allergisch auf diese Plagegeister reagiert, sollte sich ruhig stechen lassen. Wichtig ist aber, sich nicht zu kratzen. Nach einiger Zeit gewöhnt sich der Körper an die Stiche, die Reaktionen werden immer geringer.“ Alles klar. Mein Motto: Wer hat Angst vor’m Mückenschwarm? Niemand, niemand. Und wenn er kommt? Dann beißt er halt!

Das im Hinterkopf machte ich mir anfangs keine großen Sorgen. Auf unserem ersten Campingplatz in Milngavie fing es auch recht harmlos an. Über die Kopfnetze der Camper-Veteranen, die selbst auf der Rückreise waren, schmunzelten wir. Bei diesen paar Viechern schon so schwere Geschütze auffahren? Memmen…! Da wir aber von so ziemlich jedem vor den midges gewarnt worden waren, legten wir uns in der Touristeninfo am WHW-Start neben dem obligatorischen Spray auch jeder ein Kopfnetz zu.

Am zweiten Tag der Wanderung nutzten wir diese bereits ausgiebig. Keine 10 Sekunden angehalten, schon umschwärmten einen die Biester. An Pause war da nicht groß zu denken. Außer oben auf dem Conic Hill, dort war es kühl und windig genug. Prompt ließen wir uns dort länger nieder und es soll auch Wanderer gegeben haben, die sich zu einem Nickerchen entführen ließen.

Abends auf dem Campingplatz von Cashel angekommen bauten wir fluchend unser Zelt unter Mückenbelagerung auf. Natürlich hatten wir die Viecher auch sofort im Zelt. Damit nicht genug. Mel MacGyver kochte draußen tapfer unser Abendessen – und brauchte den Deckel nur kurz anheben, schon hatten wir Gemüsesuppe mit Fleischbeilage. Das war es mit meinem Veganertum! Unser kollektives Mantra: Proteine, Proteine…!

Auch ohne jucken juckt’s im Schuh! (kw)

Mit jedem Tag wurden wir jedoch kompetenter in den notwendigen Mückenabwehrtechniken. Mel MacGyver und ich haben beispielsweise die perfekte Choreographie für die Zeltenterung entworfen: alles benötigte auf die Arme verteilt standen wir links (Mel) und rechts (Kim) auf unseren Schuhen vor dem Zelteingang. Das „auf“ ist essentiell, denn wenn man erst das Netz öffnet und sich dann noch die Schuhe abstreifen will, hat man schon verloren. Nordlicht Neele stand hinter uns am Eingang zur Apsis und sollte im zweiten Schwung in die Mitte hinterher hechten.

Mel & ich standen also in Position. 3…2…1… Türe auf! Wir sprangen gleichzeitig rechts und links ins Zelt, die Mitte war innerhalb von 25 Millisekunden frei für die zweite Welle – doch wo bleibt Nordlicht Neele?

Die stand noch in der Apsis, total perplext von unserem Beitrag in der Kategorie Synchronspringen, und musste erstmal eine Runde lachen. So klappt das mit der Mückenflucht natürlich nicht! Naja, Übung macht bekanntlich den Meister.

MacGyver ist ja schon lange Meister in so ziemlich allem was das Leben fordert. Neele kommt mit den midges auch größtenteils zurecht. Nur ich falle fluchend durch. Das Ergebnis? 500 (Fünfhundert) Stiche bzw. Bisse.

Ob Jod hilft? Nein. (mm)

Bei mir wurden die auch noch schön hubbelig und z.T. verfärbten sie sich gelb. Ein bisschen unschön. Nach ein paar Tagen höchster Selbstdisziplin fing ich auch noch an zu kratzen, danach ging erstmal gar nichts mehr. Geschlafen habe ich vorübergehend wenig – trotz Schlafmaske2. Es juckte und juckte und juckte. Selbst die Hände beim Schlafen unter den Hintern klemmen funktionierte nur ca. 7 Minuten lang. Was soll ich sagen? Im schlaflosen Delirium wünschte ich mir nur noch Zuhause zu sein. Urlaub, ich geb dir noch 3 Tage!

Nach Loch Lomond sollte es zum Glück besser werden. Verschwunden sind die Mücken nie, aber zum einen wussten wir uns immer besser zu wehren, und zum anderen wurden sie weniger. Menschen der Hochzeitsgesellschaft fanden die Mücken um Skye auch noch furchtbar – wir konnten darüber nur milde lächeln. Hatten wir doch nächtelang mit midges um unseren Schlaf gefochten, auf ihrem Massengrab geschlafen und sie als Suppenbeilage verspeist!

Nach langer Vorrede kommen wir nun endlich zu den versprochenen Mückenabwehrtechniken. Für alle zukünftigen WHW-Wanderer, die es nicht drauf ankommen lassen wollen, oder die allergische Reaktionen auf Mücken haben, hier eine Übersicht über diverse Helfer und Helfershelfer.

Das kleine Mücken-1×1

Avon. Von Einheimischen empfohlen, in Wandershops und auf Campingplätzen zu erwerben. Eigentlich gar kein Mückenspray sondern ein Pflegeöl. Offenbar aber eins, was den Mücken gewöhnlich stinkt. Bei uns hat es nur bedingt geholfen.

Smidge. Eine Frau im Pub ist testweise in einen Mückenschwarm gelaufen und ohne tote Viecher an sich klebend zu haben wieder in die Kneipe gekommen. Scheint zu wirken, selbst ausprobiert haben wir das offenbar neue Produkt aber noch nicht.

Lavendel. Funktioniert recht gut. Die Mücken haben uns beim Kochen zwar noch umschwirrt, sich aber auf unser mit Lavendelöl beträufeltes Gesicht und Hände wenig gesetzt bzw. gebissen.

Citronella. Zu deutsch: Zitronengras. Einige Camper haben Citronella-Kerzen dabei gehabt, um ungestörter zu kochen. Von uns nicht getestet.

Vitamin B. Das ist der einzige Tipp, der uns in Schottland nicht gegeben wurde. Den habe ich stattdessen von einer Bekannten zurück in Deutschland bekommen. Ein paar Tage vor der nächsten Tour anfangen, Vitamin B zu schlucken. Keine Ahnung warum das helfen soll, aber schaden kann es sicher auch nicht.

Kalt Waschen. Mücken stehen auf Blut. Laut Einheimischen ist Blut dann nah unter der Haut, ergo besonders attraktiv für die Biester, wenn erstere warm ist. Also: Kalt Duschen und sich generell möglichst kühl halten. Ist beim schweißtreibenden Wandern natürlich nicht so einfach.

Duftstofffreiheit. Von Parfüms / Deos / Rasierwasser, etc. werden die midges angezogen. Wir hörten Geschichten, wo Männer mit 3-Tage-Bart das Waschhaus betraten und mit Vollbart wieder rausspazierten: die Mücken hatten sich in die Aftershave-Zone gestürzt.

Rauch. Für einen kurzen Moment habe ich überlegt, ob ich das Rauchen nochmal anfangen sollte. Qualm aller Art (also auch Lagerfeuer) scheinen die midges nicht zu mögen. Rauchen hab ich dann doch gelassen. Und ich befürchte, ein paar Räucherstäbchen qualmen leider nicht genug für den selben Effekt. Diese Variante fällt für mich also größtenteils flach. Aber liebe Raucher, schätzt euch kurz glücklich!

Wind. Wenn kein natürlicher Wind geht, braucht man einen Ventilator. Da wir nicht gerne extra schleppen, haben wir uns manuelle Ventilatoren aus einem Handtuch / Waschlappen / Buff gebastelt. Alternativ könnte man natürlich auch einfach Nie. Wieder. Stehenbleiben.

Kim. Mein Blut ist offenbar sehr geschmackvoll und wenn midges die Wahl haben, trinken sie lieber bei mir. Nehmt mich also mit und ihr werdet verschont bleiben. Ihr müsst nur das richtige Bestechungsmittel finden, damit ich mir das nochmal antue. Ihr müsstet z.B. lediglich Olivia Williams davon überzeugen, ebenfalls mitzukommen!

Mückennetze. Das einzige, was definitiv hilft! Vorausgesetzt man hat a) beim Anziehen nicht schon Mücken darunter, und b) am Hals keine Lücken zum Reinkriechen (Tipp: in Schal stecken). Unbedingt ein Netz vor Ort kaufen! Die hier erwerblichen sind oft nicht feinmaschig genug für die kleinen Biester.

Laut einer Bekannten hat Hartmut Engel übrigens recht und die Haut gewöhnt sich tatsächlich an die Bisse – allerdings bei ihr erst nach einer längeren Zeit als der gut einen Woche, die man für den West Highland Way braucht.

Insofern: viel Erfolg beim Erlernen der Mückenabwehrtechniken!

Cheers & Good Luck!

 
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Photos: Werden beim Anklicken größer.
Die Bilder sind madebymelanie (mm) oder von mir (kw).

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1 Also die Hoch-Zeit der midges, nicht die Hochzeit meiner Freunde, die ja der eigentliche Anlass für den Schottlandtrip war.
2 Ja, meiner Schlafmaske! Dazu demnächst mehr.

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