Die 100 Thing Challenge

Woher sie kommt, was sie will, wie sie funktioniert – und warum manche sie hassen.

Die 100 Thing Challenge hilft

Genauso verschieden wie die Motivationen zur Besitzreduzierung und die gesetzten Prioritäten von Minimalisten sind, so unterschiedlich sind auch unsere Wege, einen minimalistischen Lebensstil zu erreichen. Ein Trend, dem David Bruno 2008 einige Berühmtheit verschaffte, ist die “100 Thing Challenge”. Dies war auch mein erster Kontakt mit der Bewegung: Vor ein paar Monaten verwies eine Bekannte auf einen TIME Magazine Artikel mit dem Titel “How to Live With Just 100 Things”. Das klang irgendwie cool. Nach aus dem Rucksack leben und frei sein.


Kaufen, um zu leben

Viele der im Artikel angesprochenen Punkte kamen mir sehr bekannt vor, insbesondere der Kommentar von Peter Walsh: was kaufen wir wirklich? Ein Produkt oder ein Versprechen? Ein Zelt, oder die Aussicht auf den Abenteuerurlaub? Alles läuft darauf hinaus, dass wir am Ende eine Wohnung voller Zeug haben – und immer noch nicht in Norwegen wandern waren. “So will ich nicht enden”, sagte ich mir. “Ich will kein Haus voll unerfüllter Wünsche. Ich will kaufen, um zu leben. Nicht leben, um zu kaufen!”

Keine Frage, reduzieren auf 100 Sachen klang interessant. Nur wie? Und auf was? Der nächste Schritt lautete: David Brunos Blog besuchen, und Genaueres lernen. Ganz so cool wie “aus dem Rucksack leben” sollte das Unterfangen dann doch nicht sein: es geht sich ja „nur“ um 100 persönliche Dinge. Teller, Schränke und der Toaster zählen nicht. Und das, finde ich bis heute, ist der beste Teil der Challenge: sie ist machbar. Für ganz normale Leute.

“Was die können, kann ich auch!”

Die Herausforderung klingt simpel: bis zu einem selbst festgelegten Datum gelobt der Teilnehmer, seinen Besitz auf 100 persönliche Dinge zu reduzieren und damit ein Jahr zu leben. Und hier fängt die Verwirrung auch schon an: was zählt als ‚persönliches Ding‘ und was nicht? Ist mein Kochtopf, den meine Freundin mitbenutzt, ein persönliches Ding? Zählt jede Socke? Zählt man jedes digitalisierte Album, oder nur einen Computer, oder einen Tower, einen Monitor, eine Maus und eine externe Festplatte? Die gute Nachricht ist, dass dir diese Entscheidungen selbst überlassen werden. Und schummeln ist ausdrücklich erlaubt! Eine beliebte Art, die Regeln zu dehnen, besteht darin, Einzelsachen als Gruppe aufzulisten. So hat beispielsweise Dave selbst nicht jede Unterhose einzeln angegeben, sondern zählt “1x Unterhosen”. Ähnliches gilt für Bücher: “Eine Bibliothek.” Nur weil du Bierflaschen sammelst, und davon allein 174 verschiedene besitzt, musst du also keine Angst vor der Challenge haben. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Außerdem hilft die Möglichkeit zur Gruppierung, die anfängliche Angst zu nehmen; und der Selbstversuch zeigt: je weiter man kommt, je mehr man bereits aufgegeben hat, desto einfacher wird es, sich von noch mehr Dingen zu trennen, desto weniger wird geschummelt. Aber dazu später mehr.

Die selbstauferlegte Verpflichtung, ein Jahr mit 100 Sachen zu leben, bedeutet nicht, dass man ein Jahr mit den selben 100 Sachen lebt. Die Hose, die durchgescheuert ist, darf man natürlich durch eine Neue ersetzen. Genauso darf man neue Sachen hinzufügen, z.B. mein gewünschtes Zelt. Einzige Bedingung: entweder muss auf der 100 Sachen-Liste noch ein Platz frei sein – oder man muss einen Platz schaffen, und somit ein anderes Teil weggeben. Mit 100 Sachen zu leben heißt also nicht, komplett auf Konsum zu verzichten.

“Warum gerade 100 Sachen?”

Nachdem David Bruno es mit seiner Version der 100 Thing Challenge bis ins TIME Magazine geschafft hatte, entbrannte in der Blogosphere ein Streit darüber, wie sinnvoll eine Begrenzung auf 100 Sachen ist. Warum gerade 100? Und was bringt die konkrete Zahl, wenn man doch Ausnahmen akzeptiert? Wenn man “eine Kiste CDs” zählt, kann man dann nicht gleich sagen: “Ich besitze ein Haus mit allem drin”? Diese Willkür wird von Gegnern der Methode kritisiert. Befürworter wie Bruno (und ich) halten dagegen: Natürlich ist die Grenze bei 100 persönlichen Dingen willkürlich. Der große Vorteil der Methode ist jedoch, dass es ein konkretes Ziel gibt, was sich erreichen lässt. Wann kann man schon von sich behaupten, keine “unnötigen” Dinge mehr zu besitzen? Weniger geht immer. Die 100 Thing Challenge ermöglicht es, das Gefühl zu bekommen, etwas erreicht zu haben, bevor man wie ein buddhistischer Mönch mit 5-7 Dingen durch die Lande zieht. Oder wie es Charley von “You, Simplified” ausdrückt: “Haben wir nicht alle darüber gesprochen, dass die 100 Thing Challenge nur eine Übung darin ist, sein Bewusstsein zu schärfen? Nur eine Methode unter vielen, mit unbegrenzt vielen Variationen. Versuch es mit 200 Sachen wenn du willst. Oder mit 500. Hauptsache es sind ein gutes Stück weniger Sachen, als du vorher hattest.”

Wozu will ich minimalistisch leben?

Die 100 ist ein schönes Ziel, aber es geht sich nicht um diese Zahl an sich. Wenn du sie zwar erreichst, aber nur weil darunter 50 Gruppierungen zu finden sind (1x Bücher, 1x CDs, 1x Klamotten, 1x Bastelkram, 1x Schmuck, 1x Campingsachen, 1x Photoausrüstung,…) dann verarschst du dich nur selber. Toll, jetzt hast du angeblich nur noch 100 persönliche Dinge – aber nichts hat sich geändert. Die unweigerlich erste Frage, die du dir vor Beginn stellen musst, ist: Wozu will ich minimalistisch leben? Will ich lässig in einem Nebensatz fallen lassen können, mit weniger als 100 Sachen (persönlichen! persönlichen!) zu leben? Mööp! Falscher Ansatz. Will ich mehr Freiheit, bewusster leben? Ja, dann tu es! Werd deinen überflüssigen Kram los! 100 Sachen hin oder her.

Die Rucksackfalle

Unter den Minimalisten gibt es auch Hardcore-Vertreter wie Leo Babauta und Everett Bogue, die noch weniger als 100 persönliche Dinge besitzen. Aber lass dich von den übercoolen Listen nicht täuschen. Nach üblicher Zählweise (ohne Haushaltsgegenstände, ohne Sachen, die man für die Arbeit braucht, ohne Kram wie Zahnpasta, der sich regelmäßig aufbraucht) lebe ich auch mit weniger als 100 persönlichen Dingen. Aber komm zu mir nach Hause und du wirst es kaum glauben. Weil du weit mehr als 100 Sachen findest, wenn du alles zählt. Tassen, Handtücher und das Plumeau. Wer also behauptet, weniger als 100 Dinge zu besitzen und in 15min mit nur einem Rucksack umziehen zu können, der futelt, oder er gehört zu der finanziell besser dastehenden und nicht unbedingt grünen Variante der Minimalisten, die ihren kompletten Hausrat bei Umzug neu kaufen. Oder im Hotel leben. Hm.

Das Wesentliche

Trotz aller Einwände halte ich die 100 Thing Challenge für einen sehr guten Startpunkt in Sachen Minimalismus. Sich auf 100 persönliche Dinge zu begrenzen ist schonmal ein guter Anfang, und definitiv machbar. Du wirst überrascht sein, wie viele Sachen du besitzt, wenn du wirklich mal alle Schränke und Schubladen öffnest.

Wenn du einmal das Ziel erreicht hast und auf dem Weg dahin dir eine minimalistische Denkweise angewöhnt hast, wirst du von ganz alleine damit weitermachen, auch alle “unpersönlichen” Dinge zu reduzieren: zwei Handtücher statt sieben. Ein vernünftiger Kuli statt drei plus fünf Werbegeschenke. Und darum geht es schließlich: auf Wesentliches reduzieren. Und höchst wahrscheinlich liegt dieses Wesentliche unter 100 persönlichen Dingen.

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Ein Gedanke zu „Die 100 Thing Challenge

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