Minimalismus, was ist das?

QuerfeldRein geht es sich besser mit wenig Gepäck. Auf Station #1 meiner Suche nach dem rechten Weg wage ich deshalb den Versuch, mit weniger als 100 persönlichen Dingen zu leben und reduziere auf Wesentliches: minimalistisches Leben. Doch was bedeutet “Minimalismus” überhaupt? Für den Anfang deshalb hier ein grober Überblick zur Geisteshaltung der Minimalisten.

Alles was ich brauche auf meinem Rücken

Alles was ich brauch auf meinem Rücken

Vor nicht allzu langer Zeit (2010) verloste Karl Rabeder (48) seine Luxusvilla in den Alpen, mit allem was darin war, und steckte den Erlös in seine Mikrokredite-Stiftung. Der schweizer Millionär tat dies nicht, um Bill Gates Aufforderung an die Superreichen Folge zu leisten, mehr zu spenden. Rabeder erkannte Besitz als Gegenteil von Freiheit und setzte sich daher das Ziel, sein Hab und Gut auf doppelte Rucksackgröße zu beschränken. Damit ist er nicht allein. Unter dem Stichwort “Minimalist Living” sammeln sich die verschiedensten Menschen, die dem gedankenlosen Konsumismus zu Gunsten eines bewussteren Lebens den Rücken kehren.


Minimalismus = weniger Sachen?

Gleich vorweg: ‘Minimalismus’ ist nicht gleichzusetzen mit der Reduzierung materiellen Besitzes. Hinter dem Begriff steckt eine Philosophie, die im Kern danach strebt, den Fokus auf das Wesentliche zu legen. Vielleicht ist dir das Konzept schon als Strömung in Musik oder Malerei begegnet. Besitzreduzierung an sich kann folglich nie ‘Minimalismus’ sein; es ist vielmehr oft ein Resultat minimalistischer Lebensweise. Wer Kleidung nicht als ultimative Form der Persönlichkeitsentfaltung auffasst, der braucht keine 27 Pullover. Da Ziel der Minimalisten ist, die Prioritäten in ihrem Leben zu identifizieren und sich im Folgenden von allem Überflüssigen zu befreien, wird klar, dass gelebter Minimalismus für jeden Menschen andere Ausprägungen annehmen wird. Der Minimalismus einer alleinstehenden Webdesignerin, der ortsungebundenes Leben wichtig ist, wird sich anders äußern, als der eines Professors mit vierköpfiger Familie und Fokus auf ökologischer Lebensweise. Mein Minimalismus wird anders sein als deiner. Gemeinsam ist uns allen, dass wir Unwesentliches verbannen und unsere essenziellen Bedürfnisse ins Lebenszentrum rücken.

Frei sein von ; Frei sein für

Mit einer Reduzierung auf dieses für sie Wesentliche streben Minimalisten vor allem nach Freiheit. Sie kippen die Postkartensammlung, die eh nur alle fünf Jahre beim Umzug angeschaut wird, ins Altpapier; sie machen sich frei von Vergangenem. Sie verschenken das Aquarellmalset, das sie nie benutzt haben, weil Malen zwar immer ein Traum war, aber offensichtlich keiner der wichtig genug war, um sich in den vergangenen drei Jahren auch nur eine Stunde damit zu beschäftigen; sie schaffen Freiraum. Manche wollen in der globalisierten Welt problemlos Umziehen können. Frei, dem Traumjob entgegen zu ziehen. Für die Einen gehört eine minimalistische Lebensweise zu ihrem Versuch, ethisch zu leben. Ihr Motto: Wenn Exzess gegen ein maßvolles Leben eingetauscht wird, ist genug für alle da. Die Welt wird frei sein von Hunger, Armut und Krieg. Andere wollen schlicht weniger Zeit mit Aufräumen – und Shoppen – verbringen. Frei von Chaos, frei von Konsumismus. Mit all diesen gewonnen Freiheiten, so der Gedanke, lässt sich der Blick auf das Wesentliche richten, das, was wirklich zählt im Leben.

“Minimalismus ist grün und spart Geld!”

Was nach einer weiteren Variante der “Simplify Your Life”-Welle klingt, entpuppt sich manchmal als das krasse Gegenteil: minimalistisches Leben ist nicht zwangsläufig ruhiger und einfacher. Wie der gemeine Student weiß, kann es höchst unpraktisch sein, keine Waschmaschine zu besitzen und zum nächsten Salon durch die halbe Stadt gurken zu müssen. Und die Zeit, die das fixe Aufräumen spart, hat Markus Minimalist vielleicht längst für neue Projekte verplant. Ebenso ist der Kausalschluss, dass Minimalismus auf Grund einer anti-konsumistischen Haltung billig, grün und tugendhaft ist, falsch. Wie Dru Pagliassotti aufzeigt, kann Minimalismus all dies sein – muss es aber nicht. Wenn eine Priorität “Geld Sparen” lautet, kann Minimalismus billig sein. Bei Minimalisten, deren Besitz in einen Rucksack passt, die aber ständig auf Reisen gehen und es lieben, in teuren Restaurants zu essen, ist er das eher nicht.

Genauso gibt es Minimalisten, die nicht viel besitzen, deren wenige Dinge aber qualitativ hochwertig und dementsprechend oft teuer sind. Das eine gute Messerset kann locker teurer sein als sämtliche überflüssigen Küchenhelfer, von Tupperdose #25 bis zum Eierschalensollbruchstellenverursacher.

Was die Tugendhaftigkeit betrifft: wenn Mira Minimalistin die Zeit, die sie durch schnelleres Aufräumen gewinnt, dazu nutzt, Amnesty International zu unterstützen, dann liegt das nicht daran, dass alle Minimalisten per se Gutmenschen sind oder werden. Der Grund wird sein, dass diese spezielle Minimalistin ehrenamtliches Engagement zu einer ihrer Prioritäten erkoren hat.

Ähnliche differenziert werden muss bei ökologischem Bewusstsein: grüne Minimalisten, die Wert darauf legen, die Ressourcen unseres Planeten möglichst wenig auszubeuten, werden nicht nur wenig besitzen, sondern das, was sie besitzen, eher reparieren und recyceln als durch Neues zu ersetzen. Minimalisten, die sich den Schutz der Erde nicht auf ihre Fahne schreiben, werden vielleicht auf Grund ihres beschränkten Hausrats kein Schokoladenfondue haben, sich aber wenn sie einen netten Abend mit Freunden planen einfach eines kaufen – und danach wegschmeißen. Mit Umweltbewusstsein hat das dann nichts zutun.

Minimalismus ist das, was man daraus macht

Will man versuchen, minimalistisch zu leben, entschließt man sich für eine bewusste Fokussierung auf die eigenen Prioritäten. Dabei ist ‘Minimalismus’ als Konzept weder inhärent gut, noch schlecht – es kommt darauf an, wie man ihn lebt.

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